Roberto Cavalli

"Der Grat zwischen sexy und vulgär ist sehr schmal"

Mode ist für Roberto Cavalli mehr als ein Business: Er will Frauen verschönern. Im Interview spricht er über den Zauber von Sharon Stone, die Droge Erfolg und Berlin als Fashion-Metropole

Roberto Cavalli

Roberto Cavalli

Wenn es stimmt,

dass eine Wohnung die Persönlichkeit des Besitzers widerspiegelt, dann ist die Ausnahme von dieser Regel. Sein Apartment in Mailands feinem District ist minimalistisch eingerichtet. Erlesene Kunst, klar arrangiert. Seine berühmten Animal Prints finden sich nur hier und da wieder. Er ist eben nicht nur der Glamour-Designer, zu dessen Freunden Top-Stars wie und gehören. Er ist bodenständig, amüsant, stets darauf bedacht, dass es seinen Gästen gutgeht. Auch beim Modegipfel in Mailand, als er seine beiden GALA-Gäste empfängt: Es gibt starken Espresso, Früchte und Nikotin.

Gala: Roberto, erzählen Sie uns, was Sie mit dem Namen Giuseppe verbinden?

So hieß mein Großvater. Er war Künstler. Er hat wunderschön gemalt.

Gala: Umgeben Sie sich deshalb mit so viel Kunst?

Das Porträt hier hat mein großartiger Freund Julian Schnabel für mich gemalt. Irgendwann sagte er: "Roberto, ich will ein Kunstwerk für dich gestalten." Mir war das wahnsinnig unangenehm. Warum ausgerechnet ich? Ich war wirklich sprachlos. Ich hatte solche Angst davor.

Gala: Warum?

Wissen Sie: Ich bin ein ganz normaler Mann - und er ist ein Künstler. Als ich das Bild gesehen habe, fing ich an zu weinen. Es war so wunderschön!

Gala: Verstehen Sie viel von Kunst?

Ehrlich gesagt: Nein. Nach Picasso habe ich aufgehört, Kunst zu verstehen.

Gala: Sie glauben, dass moderne Kunst überinterpretiert wird?

Absolut. Ich verstehe das alles nicht. Wenn ich in ein Museum mit moderner Kunst gehe, frage ich mich immer, was es da zu verstehen gibt. Der Kunstbetrieb funktioniert wie die . Man sucht sich einen Förderer, dann wird man bekannt und die Preise gehen in die Höhe. Wenn ich Sharon Stone ein Kleid gebe und sie es bei einer Veranstaltung trägt, wollen es alle haben. (Er macht eine Pause) Scusi, unterhalte ich Sie auch gut?

Roberto Cavalli im Gespräch mit Peter Lewandowski und Marcus Luft

"Ich gebe Frauen zurück, was sie als Einzige allein haben: Fraulichkeit"

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Gala: Ja, bestens.

Das sagen Sie als Fashion Director - aber Ihr Chef schaut so grimmig.

Gala: Das hat nichts zu bedeuten, wir sind aus dem eher spröden Hamburg. Lassen Sie uns doch noch einmal auf Ihren Großvater zu sprechen kommen ...

Ich war zwar erst zehn Jahre alt, als er von uns gegangen ist. Aber er ist noch immer sehr präsent, ich habe viele Porträts von mir, meiner Mami und ihm in meinem Haus in stehen.

Gala: Sie stammen also aus einer sehr künstlerischen Familie.

Ja, ich komme aus keiner reichen, aber aus einer sehr kreativen Familie. Meine Mutter hat irgendwann angefangen, Kleider zu bemalen und verkaufte diese an ihre Freundinnen. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass ich jemals in der Modewelt landen werde.

Gala: Das war nicht Ihr Ziel?

Nein, ganz sicher nicht. Ich wollte Maler werden. Maler von moderner Kunst, weil das so einfach ist. (lacht) Stattdessen fing ich an, T-Shirts zu bemalen. Die habe ich dann auf der Straße verkauft.

Roberto Cavalli sagt über Freundin Sharon Stone: Sie trägt seinen Leo-Print wie keine andere

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Gala: Was waren das für Motive?

Sie waren sehr bunt. Farben sind so wichtig für mich. Jemand hat diese T-Shirts gesehen und tausend Stück bestellt. Ich dachte: Mein Gott, wie soll ich das denn schaffen? Schließlich waren sie von Hand bemalt. Daher habe ich mir selbst beigebracht, sie zu bedrucken. So ging alles Schritt für Schritt. Ich habe beinahe 24 Stunden am Tag gearbeitet, um Geld zu verdienen.

Gala: Was wollten Sie sich denn davon leisten?

Ich wollte mir endlich ein Cabrio kaufen. Es war ein gebrauchtes Auto und kostete umgerechnet gerade mal 1500 Euro, aber ich war so stolz darauf. Als das Geschäft immer besser lief, gründetete ich eine Firma, die Kleidung für andere Marken bedruckte. Zu meinen Kunden zählten die größten Strickwarenhersteller des Landes. Sie kamen zu mir, weil ich der Einzige war, der Designs auf Sweatshirts drucken konnte. Dann begann ich, Leder zu bedrucken, als sei es Seide. Denn ich fand die bisherigen Designs sehr langweilig. Die Zeit war sehr schwierig, doch als Designer muss man positiv denken. Und ich dachte, wenn ich erfolgreich bin, habe ich Erfolg bei schönen Frauen. Als auch das sehr vielversprechend lief, brachte ich eine eigene Kollektion auf den Markt. Ich kaufte alte Jeans, bestickte sie mit Lederflicken und verzierte sie mit bunten Farben. Ich hatte einen kleinen Stand bei der Mailänder Modemesse und merkte plötzlich, dass der Markt offenbar genau auf meine Ideen gewartet hat. Wissen Sie, wer als Erstes meine Mode verstanden hat?

Gala: Nein, wer?

Die deutschen Frauen. In den Siebzigern hatte ich meine ersten großen Erfolge in . Es war mein größter Markt. Albert Eickhoff (einer der einflussreichsten deutschen Modehändler; d. Red.) veranstaltete für mich in Düsseldorf eine Show. Das werde ich ihm niemals vergessen.

Roberto Cavalli vor einer antiken chinesischen Pferde-Skulptur in seiner Stadtwohnung in Mailand

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Gala: In Deutschland sind Sie so was wie ein Popstar: Sie waren sogar schon bei "Wetten, dass ...?" mit Thomas Gottschalk.

wer?

Gala: Gottschalk, der Moderator...

Ja, ich erinnere mich. Er wohnt in L. A., ich sollte ihn mal besuchen.

Gala: Wäre es zu hoch gegriffen zu sagen: Sie haben die deutschen Frauen wachgeküsst?

So können Sie es nennen. Ich habe zwar noch kein Geschäft in Deutschland, aber ich kann Ihnen verraten, dass wir bald einen Laden in München eröffnen werden.

Gala: Hätte Berlin auch die Chance, einen Cavalli-Shop zu bekommen?

Ich liebe Berlin! Die Stadt ist so futuristisch und entwickelt sich langsam zu einer Hauptstadt der Mode. Als die Mauer fiel, konnte man beobachten, dass Berlin wie eine Blume aufblühte. Diese Blume wird von Jahr zu Jahr schöner. Berlin versteht die Philosophie der Zukunft.

Gala: Wie definieren Sie diese?

Es geht darum, Neues zu entwickeln und zu erfinden. Wir müssen es schaffen, dass in zehn Jahren die Menschen wissen, wofür dieses erste Jahrzehnt des neuen Millenniums steht. Wir können nicht immer nur zurückschauen. Wenn ich mich umsehe, erkenne ich, dass wir immer wieder Looks aus der Vergangenheit neu erfinden. Natürlich waren die Sixties und Seventies eine aufregende Zeit - denken Sie an die Musik und die Mode. Das Problem ist, dass die Mode mittlerweile sehr stark industrialisiert ist. Es geht ums Geschäft. Die Mode verliert langsam ihre Kreativität. Ich liebe Fashion, daher mache ich mir diese Gedanken. Mode ist meine DNA. Ich denke die ganze Zeit an Mode. Jeden Tag. Manchmal verzweifle ich daran ...

Gala: Ihre Kollektionen zeigen, dass Sie - im Unterschied zu einigen Kollegen - die Vision haben, Frauen schöner zu machen.

Ach, Schönheit kann man nicht definieren. Was ist schön, was nicht? Ich kann einfach nur versuchen, bei der Arbeit an meiner Kollektion das Beste zu geben. Heute ist das so schwer. Junge Frauen sehen bei einer Freundin ein Kleid und wechseln sofort das Label. Oder sie schauen, welcher Star was trägt. Das war früher anders. Es ist nicht fair. Sorry!

Gala: Aber auf Stars setzen Sie doch auch ...

... und ich hasse mich dafür. Es ist nicht meine Philosophie. Ich liebe Frauen mit Persönlichkeit. Nehmen Sie Sharon Stone. Sie sieht einfach perfekt in einem Cavalli-Kleid aus, also macht es mich sehr glücklich, wenn sie eine Kreation von mir trägt. Es läuft gut für mich. Aber manchmal denke ich, wenn ich zu einer Party gehe und eine Frau in Cavalli sehe: Bitte sprich mich an, ich möchte dir sagen, was dir wirklich stehen würde! Manchmal sehe ich Frauen, die eine Kreation von mir tragen und die falschen Schuhe anhaben.

Gala: Das muss hart sein.

Es ist fürchterlich. Ich möchte dann am liebsten zu ihr gehen und sagen: Gib mir mein Kleid zurück!

Roberto Cavalli mit seiner Gattin Eva Cavalli auf dem Laufsteg

Roberto Cavalli mit seiner Gattin Eva Cavalli auf dem Laufsteg

Gala: Haben Sie das schon mal getan?

Nein, natürlich nicht. Eher gehe ich zu ihr und sage: Ich kann gar nicht glauben, wie wunderbar Sie aussehen. Nein, ich habe ein Modehaus zu führen und kann mir so etwas natürlich nicht leisten. Aber manchmal würde ich gerne anderen Frauen dabei helfen, mehr Gefühl für Mode zu entwickeln. Der Grat zwischen sexy und vulgär ist sehr schmal. Das ist manchmal ein Problem.

Gala: Es gibt immer mehr Möglichkeiten, Teil der Cavalli-Welt zu werden. Sie eröffnen Shops, Nachtclubs ...

Wichtig ist: Ich gebe Frauen zurück, was sie als Einzige allein haben - Fraulichkeit, Feminität. Und genau darauf basieren alle weiteren Projekte. Mit meinen Kleidern hat sich auch der Lifestyle der Kunden verändert. Viele Menschen mögen es, nun auch fantasievoller zu leben. Cavalli ist Musik, Cavalli ist Mode, Cavalli ist sehr positiv.

Gala: Letzten Endes wollen Menschen genau das, oder?

Ja. Selbst in neuen Märkten wie Indien und China. Alle wollen teilhaben an diesem Lebensgefühl. In Dubai eröffnen wir einen Nachtclub - stellen Sie sich vor, in dieser futuristischen Stadt.

Gala: Ist Geld ein Motor für Sie?

Alles Geld, das ich verdiene, investiere ich in die Firma. Wenn wieder Geld übrig ist, frage ich: Was machen wir damit? Man ist richtig im Fieber. (Sucht sein Feuerzeug) Entschuldigen Sie: Aber ich rauche wirklich viel zu viel.

Gala: Wie viele Zigarren rauchen Sie am Tag?

Vier bis fünf. Aber ich habe auch wieder angefangen, Zigaretten zu rauchen. Ich bin so dumm. Ich trinke nicht, aber ich rauche. Sie sehen: Ich bin wirklich verrückt!

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