Nicolas Ghesquière
© PR Nicolas Ghesquière

Nicolas Ghesquière Tee mit Nicolas

Nicolas Ghesquière, Kreativdirektor von Balenciaga, gilt in der Branche als Genie - aber auch als unnahbar. GALA traf ihn zu einem seiner seltenen Interviews und erlebte einen ausgesprochen herzlichen Visionär

Ein sonniger Wintermorgen in Paris.

An einem Fenster des Art-Deco-Salons im "Hotel Crillon" steht Nicolas Ghesquière und schaut hinunter auf die Place de la Concorde. Ein schmaler Mann - und gleichzeitig einer der kreativsten und einflussreichsten der Fashion-Welt. Als er den Besucher näherkommen hört, dreht er sich um. "Hallo, ich bin Nicolas. Was möchten Sie trinken?" Er bietet einen Platz auf dem Samtsofa und Schoko-Croissants an, gießt Tee in die bereitstehenden Tassen. Ghesquières Stimme ist freundlich, das Lachen herzlich.

Balenciagas aktuelle Kollektion überrascht durch sehr sportive Anmutung. Farbige Blockstreifen lockern die strengen Silhouetten auf.
© PRBalenciagas aktuelle Kollektion überrascht durch sehr sportive Anmutung. Farbige Blockstreifen lockern die strengen Silhouetten auf.

Dieser Mann ist ganz anders, als es die offiziellen Fotos vermuten lassen, auf denen er streng und unnahbar wirkt. Wo immer auf der Welt man mit Mode-Experten über das Haus Balenciaga spricht, verdüstern sich die Blicke. Sicher, so heißt es dann, die Ideen seien wegweisend. Aber das Unternehmen sei doch so wahnsinnig elitär und sein Kreativdirektor der arroganteste Mensch der Branche und überhaupt: Interviews gebe er ja so gut wie nie.

Das Gespräch mit Nicolas Ghesquière - er reicht gerade Zucker zum Tee - beginnt mit genau diesem Thema. Was ist dran an dem harten Urteil der Modeleute? Fast verlegen wirkt er, als er zu seiner Antwort ausholt. "Ich weiß, dass wir dieses Image haben", sagt er. "Mir gefällt das aber überhaupt nicht, da wir keinen Anlass dazu bieten. Balenciaga ist nicht elitär, es ist im Verhältnis zu anderen Modehäusern einfach ein sehr kleines Label. Wir haben bei unseren Shows nur eine begrenzte Anzahl an Sitzplätzen und können nicht so viele Moderedakteure einladen, wie wir das gerne tun würden. Und was die Sache mit den Interviews angeht: Ich habe leider kaum Zeit für solche Sachen." Plötzlich sagt er doch noch "ich". Meistens spricht Ghesquière von "wir" und "uns", bezieht sein Team oder sogar das ganze Unternehmen mit ein. "Im Grunde", fasst er seine Replik zusammen, "sind wir ein sehr diskretes Haus. Arroganz passt nicht zu uns."

Cristóbal Balenciaga, hier auf einem Werbeplakat von 1947, eröffnete einen Schneidersalon in San Sebastián.
© PRCristóbal Balenciaga, hier auf einem Werbeplakat von 1947, eröffnete einen Schneidersalon in San Sebastián.

Ihren Ursprung könnten die Vorurteile in der Historie haben. Schon Firmengründer Cristóbal Balenciaga gestaltete Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine reduzierte, futuristische Eleganz, die nur wenige Frauen tragen können. Das irritierte, wurde aber schnell auch zum Markenzeichen. Bis heute besticht jede Kollektion durch eine höchst moderne Komposition: extreme Schnitte, monochrome Farbgestaltung, kühne Detailverliebtheit. "Ein guter Schneider muss beim Design ein Architekt, bei den Formen ein Bildhauer, bei Farben ein Maler, bei Harmonien ein Musiker und beim Temperament ein Philosoph sein", forderte Cristóbal Balenciaga einst. Nicolas Ghesquière vereint all diese Talente in sich - und entwickelt sie weiter zu etwas nie Dagewesenem.

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