Model-Welt

Jenseits des Laufstegs

Millionen junger Frauen beneiden sie um ihren aufregenden Alltag. Doch immer mehr Models zerbrechen am Leben zwischen Sein und Schein

Sie heißt Daul Kim und ist bildschön.

Als Model ist die 20-Jährige zwar noch nicht lange im Geschäft, dafür aber gut: Sie läuft für Chanel, Louis Vuitton und Dolce & Gabbana, wirbt für Mode von Moschino, ist beliebt bei Hochglanz-Magazinen wie "Vogue" und "i-D". Wer mit ihr arbeitet, schwärmt von ihrem Humor. Auf dem Weg nach oben ist auch ein anderes schönes Mädchen: Ruslana Korshunova, ebenfalls 20. Lukrative Werbeverträge, Titelbilder, Model-Jobs auf der ganzen Welt. Wer mit ihr arbeitet, lobt ihre Professionalität. Ein Freund sagt: "Sie ist auf dem Höhepunkt."

Freitod: Das korenische Model Daul Kim erhängte sich am 19. November 2009 in ihrem Pariser Appartement.

Freitod: Das korenische Model Daul Kim erhängte sich am 19. November 2009 in ihrem Pariser Appartement.

Beide Mädchen leben nicht mehr. Ruslana Korshunova stürzt sich am 28. Juni 2008 aus dem 8. Stock ihres New Yorker Wohnhauses in den Tod. Daul Kim erhängt sich am 19. November 2009 in ihrem Pariser Appartement. Beide Mädchen sterben in Städten, in denen sie nicht zu Hause sind und keine Familie haben. Ihre Arbeit hat sie dorthin verschlagen. Viel mehr ist bis heute nicht über sie bekannt.

Nach ihrem Freitod wird im Internet nach Erklärungen gesucht. Viel haben sie nicht hinterlassen. Im August etwa hatte Daul Kim in ihrem Blog geschrieben: "Ich muss aufhören, mich zu zerstören, und anfangen, nett zu mir zu sein." Und wenig später: "Ich bin wahnsinnig deprimiert und überarbeitet." Ihr letzter Eintrag datiert vom Vortag ihres Todes: "Sag hallo zur Ewigkeit!" Auch bei Ruslana Korshunova will man im Nachhinein Hinweise auf eine Depression gefunden haben, oder wenigstens auf schlimmen Liebeskummer. Bei beiden gab es Gerüchte über Gewichtsprobleme und Einsamkeit im harten Modelgeschäft.

Aber es gibt auch Ratlosigkeit. Warum bringt sich eine junge Frau um, die gut verdient, Erfolg hat? Weil es in ihrem Job manchmal schwierig ist? Das gilt für andere Berufe doch genauso. Außerdem erinnert man sich an die Nonchalance und Lebenslust, die Daul Kim als Model immer an den Tag gelegt hatte. Und Ruslana Korshunovas Mutter sagt: "Wenn sie Probleme mit der Arbeit gehabt hätte, wüsste ich davon."

"Dass Modeln kein Job ist, sondern ein Lebensstil, denken die meisten Menschen. Du verdienst eine Menge Geld, du triffst viele tolle Leute - freu dich", sagt Victoria Keon-Cohen, 23, sarkastisch. Mit 15 Jahren wurde sie in Australien entdeckt und lebt heute in London. Sie kannte Daul Kim nicht persönlich. Auch nicht Ruslana Korshunova oder Lucy Gordon, ein ehemaliges Model, das sich im vergangenen Jahr in Paris das Leben nahm. Aber Victoria kennt deren Alltag: "Heute bist du in Mailand, morgen in Athen. Es gibt keine Beständigkeit, keine Unterstützung durch Freunde. Die einzigen Menschen, die man trifft, sind andere Models. Zwei Wochen lang hockt man aufeinander und fühlt sich wie im Internat, und danach sieht man sich nie wieder."

Ruslana Korshunova, 20, sprang im Juni 2008 aus dem 8. Stock ihres Wohnhauses in Manhattan.

Ruslana Korshunova, 20, sprang im Juni 2008 aus dem 8. Stock ihres Wohnhauses in Manhattan.

Jahrelang hat Victoria das mitgemacht, fühlte sich oft deprimiert, meistens einsam, immer am Rande der Erschöpfung. Bis sie Ende 2007 mit ihrer Kollegin Dunja Knezevic, 27, eine Gewerkschaft für Models gründete, die inzwischen zur britischen Künstlergewerkschaft Equity gehört. Etliche Punkte haben sie dazu bewogen: Honorare, die verspätet oder überhaupt nicht gezahlt werden, Zwölf-Stunden-Arbeitstage ohne Pause, sexuelle Belästigung. "Wie die meisten hatte ich Angst, mich zu beschweren. Denn eines ist klar: Wenn du den Job nicht machst, macht ihn eine andere. Du bist ersetzbar. Also hältst du die Klappe."

Von ähnlichen Vorfällen weiß auch die Handvoll Models zu berichten, die sich in dem im September in Deutschland erstaufgeführten Dokumentarfilm "Picture Me" vor die Kamera trauen. Eine junge Frau erzählt von einer Begegnung mit einem berühmten Fotografen, bei der er sie auffordert, ihm kräftig in den Schritt zu packen. Eine andere sagt, dass sie sich mit damals 14 bei einem ihrer ersten Castings ausziehen musste - obwohl klar war, dass sie später auf den Fotos Kleider tragen würde.

Und eine 16-Jährige, seit zwei Jahren im Geschäft, erzählt, dass sie sich viel älter fühlt als sie ist. So entsteht ein Porträt von Mädchen, denen jegliche Entscheidung abgenommen wird: wo sie leben, was sie anziehen, wie viel sie wiegen - und die das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Aufgezeichnet hat das alles Sara Ziff, selbst Model und eine der Hauptpersonen im Film. "Picture Me" begann als Videotagebuch, das sie gemeinsam mit ihrem Freund führte. Über einen Zeitraum von fünf Jahren entwickelte sich der Film dann zu etwas Bedeutenderem: einem Dokument über die Schattenseiten der Hochglanz-Branche.

"In dieser Industrie gelten kaum Regularien, es gibt keinen echten Schutz", sagt Sara Ziff. "Es ist zum Beispiel nicht Pflicht, bei Fototerminen einen Begleiter dabei zu haben. Also arbeiten viele Minderjährige unbeaufsichtigt. Da ist es alltäglich, dass man plötzlich nackt posieren soll, ohne vorher von der Agentur gewarnt worden zu sein. Viele Mädchen haben nicht einmal eine Krankenversicherung. Schlimm, wenn man bedenkt, unter welch extremem Zwang sie stehen, sich einen jugendlichen Körper zu bewahren."

Die meisten Models arbeiten etwa fünf bis acht Jahre lang, sagt Sara Ziff - wenn sie überhaupt so lange durchhalten. Sie selbst ist mit 13 Berufsjahren eine Ausnahme. Karrieren wie die einer Kate Moss, Claudia Schiffer oder Naomi Campbell sind heute so gut wie unmöglich geworden. "Die Zeit der Superstars ist vorbei", weiß Yannis Nikolaou, einer der Gründer der Hamburger Modelagentur Place Models. "Die Branche verlangt nach immer neuen Gesichtern. Gleichzeitig gibt es zu viele Mädchen und nicht genug Kunden. Wir versuchen unseren Models klarzumachen: Nur weil du diese Woche bei Chanel läufst, bedeutet das nicht, dass du in einem Jahr nicht Werbung für Toilettenpapier machst."

Momentan habe nur Erfolg, wer vielfältig einsetzbar ist. Mädchen wie Daul Kim haben es zudem besonders schwer, denn Asiatinnen sind am wenigsten gefragt. Nikolaou: "Der Druck ist immens hoch." Doch dass dieser Druck allein dazu führt, dass ein Mädchen sich umbringt, glaubt er nicht. Und auch Sara Ziff will nicht so weit gehen, ausschließlich das harte Modelgeschäft für die Selbstmorde verantwortlich zu machen. Sie glaubt dennoch, es könne mehr getan werden, um solche Tragödien in Zukunft zu verhindern. Psychologische Betreuung, aber auch - wie in anderen Berufen selbstverständlich - pünktliche Bezahlung, geregelte Arbeitszeiten, Versicherungen. Superdünn-Diktate wie die in den vergangenen Jahren heftig diskutierte "size zero" führen dazu, dass die Models ihrer Meinung nach "abgefertigt werden wie Vieh".

Sie spricht von Rechten. Einem Regelwerk zum Schutz der Models wie das, an dem Equity gerade mit dem British Fashion Council arbeitet. Dafür gibt es nicht nur von den inzwischen 400 Mitgliedern der Gewerkschaft Zuspruch. Louisa von Minckwitz, Chefin von Louisa Models in München, sagt: "Eine Gewerkschaft ist keine schlechte Idee. Die Mädchen verdienen es, dass Überstunden bezahlt werden, der Druck der Kunden von ihnen genommen wird, man sie gerecht behandelt und sie die Möglichkeit haben, sich außerhalb ihrer Agenturen jemandem anzuvertrauen."

Als Victoria Keon-Cohen die Gewerkschaft gründete, hatte man sie und Dunja Knezevic noch gewarnt. Warum das Risiko eingehen, auf einer schwarzen Liste zu landen und nie wieder einen Job zu bekommen? Womöglich als Verräter zu gelten? Ihre Antwort ist einfach: "Ich liebe meinen Job. Warum sollte ich nicht dafür sorgen wollen, dass es besser darin zugeht?"

Marlene SØrensen

Star-News der Woche

Gala entdecken