Louis Vuitton + Stephen Sprouse

Jetzt bitte auf-Sprousen

Welchen Einfluss der Visionär Stephen Sprouse schon zu Lebzeiten hatte, zeigt unter anderem Marc Jacobs Graffiti-Re-Edition für "Louis Vuitton" zu seinen Ehren. Stars wie Agyness Deyn zeigten sich zur Eröffnungsparty begeistert

Agyness Deyn in der Graffiti-Re-Edition Louis Vuitton

Agyness Deyn in der Graffiti-Re-Edition Louis Vuitton

Ein Ärgernis sind sie

für viele Passanten, ein Schandfleck für jeden Luxusboulevard: Graffiti gelten bis heute als Schmuddelkinder der internationalen Kunstfamilie. Den Schaden, den die "Schmiereien" allein in Deutschland pro Jahr anrichten, beziffern die Behörden auf gut 250 Millionen Euro; immer stärkere Chemikalien werden eingesetzt, um Häuserfassaden von Tags zu befreien, den Erkennungsmarken der Sprayer.

Graffiti-Re-Edition

New York im Sprouse-Fieber

Vuitton-Kreativdirektor Marc Jacobs, hier in Begleitung seines Freundes, entwarf eine Re-Edition der Graffiti-Linie, die vor ach
Agyness Deyn konnte man schon als eine der Ersten mit einer Speedy-Bag der Graffiti-Re-Edition in New York sehen
Modedesignerin Donna und Gabby Karan genießen die Party
Der Pop-Artist: Wie sein Vorbild Andy Warhol war Designer Stephen Sprouse schüchtern, liebte aber Posen - und Perücken.

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Künstler Stephen Sprouse als Airbrush bei der "Tribute to Stephen Sprouse After-Party" im Bowery Ballroom, 8. Januar 2009

Künstler Stephen Sprouse als Airbrush bei der "Tribute to Stephen Sprouse After-Party" im Bowery Ballroom, 8. Januar 2009

Die Mode-Szene beobachtet solche Bemühungen ­amüsiert. Denn sie feiert derzeit wieder einen Mann, der vor Jahren mit seiner kreativen Umsetzung solcher "Schandflecken" einen Hype unter Trendsettern ausgelöst hat und dessen künstlerisches Erbe in den nächsten Monaten wieder für Furore sorgen wird. Ausgerechnet bei jenen Luxuskunden, die alles dafür tun würden, damit ihr ­Eigenheim nicht mit Sprayer-Werken verschandelt wird.

US-Designer (er starb 2004 im Alter von 51 Jahren an Lungenkrebs) hätte heute seinen Spaß daran zu beobachten, wie junge Fashion-Victims und mit Perlenketten behängte Damen die Verkäufer von Louis Vuitton umgarnen, damit sie eine der neuen Sprouse-Bags erwerben dürfen.

Künstlerischer Start ins neue Jahrtausend: Marc Jacobs und Stephen Sprouse' Grafitti-Edition, 2000

Künstlerischer Start ins neue Jahrtausend: Marc Jacobs und Stephen Sprouse' Grafitti-Edition, 2000

Am 9. Januar kommen die Taschen weltweit in den Handel. Vuitton-Kreativ­direktor Marc Jacobs entwarf eine Re-Edition der Graffiti-Linie, die vor acht Jahren in Zusammenarbeit mit Stephen Sprouse entstanden war.

Damals wurde durch diesen Scoop aus einem angestaubten Kofferhersteller ein ultracooles Unternehmen. Und Sprouse­ selbst, der bis ­dahin nur Szenegängern ­bekannt war und am Rande des Existenzminimums lebte, ­erlangte Weltruhm. Viele ­feiern ihn als "zweiten ". Eindrucksvoll dargestellt wird sein Einfluss nun in der New Yorker Ausstellung "Rock on Mars" (bis 28. Februar in der Deitch­ Gallery). "Stephen war in vielem seiner Zeit weit voraus", erklärt Galerist Jeffrey Deitch. "Heute ist die Welt ­bereit, ihn zu verstehen."

Stephen Sprouse, Michelle Hicks und Begleitung sowie Anna Sui bei der Louis Vuitton Store Eröffnung 2000 auf der Fifth Avenue, N

Stephen Sprouse, Michelle Hicks und Begleitung sowie Anna Sui bei der Louis Vuitton Store Eröffnung 2000 auf der Fifth Avenue, New York

Auch möchte seinem ­verstorbenen Freund ein Denkmal setzen. Schließlich verdankt der umtriebige Designer ihm persönlich sehr viel. Ohne ihn wäre Jacobs vielleicht niemals zu einem Mode-Gott geworden – und Louis­ Vuitton nicht zur Cash Cow von LVMH, dem größten Luxuskonzern der Welt. "Meine Kollektion ist eine Hommage an ­Stephen", erklärt Marc Jacobs. "Sie vereint die charakteristischen ­Elemente von Louis Vuitton, die den Kult­status der Marke begründen, mit den charakteristischen Elementen und der bleibenden Ästethik, mit denen Stephen Sprouse die Welt der Mode prägte."

1987: Stephen Sprouse und Blondie-Sängerin Debbie Harry im Madison Square Garden, NY

1987: Stephen Sprouse und Blondie-Sängerin Debbie Harry im Madison Square Garden, NY

Wie viele große Designer war Marc Jacobs schon früh von Sprouse fasziniert. In den Siebzigerjahren arbeitete Stephen Sprouse­ beim damaligen Star-Modeschöpfer Halston. Nachts tanzte er sich durch die Clubs, tagsüber entwarf er für seine Nachbarin, Blondie-Frontfrau , Bühnen-Outfits. "Sein Einfluss ist noch immer immens", sagt die Sängerin. "Menschen, die vor Jahren etwas von ihm gekauft haben, tragen es bis heute. Sie sind alle noch immer verrückt danach – so wie ich."

In den Achtzigern trumpfte Sprouse mit provokanten Ideen auf: Für eine Kollektion ließ er sich von den zerfetzten Outfits des Underground inspirieren. Er mixte sie mit raffinierten Details, die man bis dahin nur von der Haute Couture erwartete: Rotziger Street Style traf auf die Kultiviertheit der Upper Class. Die einflussreichsten Kritiker der Fashion-Szene jubelten.

Marc Jacobs schaffte mit ähnlichen Ideen den Durchbruch: Seine Entwürfe ­erinnerten an den Grunge-Look der Band Nirvana, wurden aber aus Luxusmaterialien gearbeitet. Zu einer Zusammenarbeit zwischen Sprouse und ­Jacobs kam es allerdings erst Ende der Neunzigerjahre. Auf der Suche nach einer Wohnung in Paris besichtigte der damals neue Vuitton-Designchef das ­Appartement von Schauspielerin . In einer Ecke standen schwarz angemalte Koffer ihres Vaters Serge. Die ­Farbe war an einigen Stellen abgeblättert, darunter erkannte man das typische Monogramm-Canvas-Muster von Vuitton. "Ich fand das ziemlich cool, sehr punkig und anarchistisch", erinnert sich Jacobs. So entstand die Idee, das LV-Material mit Farbe zu ­"verschandeln". Jacobs lud Sprouse nach ­Paris ein. Gemeinsam kreierten sie die heute legendären Taschen. Marc Jacobs: "Graffiti-Kunst hatte für mich immer etwas Trotziges. Ich wollte etwas Traditionelles und Ehr­würdiges erstellen und dem Logo-Muster so eine neue Identität geben."

Das Graffiti-Projekt gilt als großer Einschnitt in der Modewelt. Plötzlich entstand ein Hype um eine Tasche, wie es ihn zuvor nicht gegeben hatte – es war die Geburtsstunde der It-Bag.

Gewagt: Die neue Sprouse-Kollektion von louis vuitton macht aus Leggings luxusmode

Gewagt: Die neue Sprouse-Kollektion von Louis Vuitton macht aus Leggings Luxusmode

Welche Strahlkraft das Projekt bis heute hat, zeigt die aktuelle Re-Edition von Vuitton. In Internetforen ­diskutieren Fans seit Wochen über die Kollektion, die nur ein halbes Jahr erhältlich sein wird.

Neben den typischen Graffiti – diesmal in Neon­farben – gibt es auch Produkte mit dem Rosenmotiv, das bei Sprouse eine große Rolle spielte. Außerdem wurde die Linie um Ready-to-wear und Klein-Accessoires wie zum Beispiel Schlüsselanhänger erweitert. Ein Beweis dafür, wieviel Umsatz sich der Konzern von diesem Projekt erhofft. Für andere Firmen werde es schwer, in diesem Jahr etwas noch Größeres zu lancieren, ­prognostizieren Insider. Überall auf den Luxusboulevards dieser Welt wird das Graffiti-Logo zu sehen sein, denn sämtliche LV-Läden schmücken sich mit ihm.

Kunst vermischt sich mit Kommerz: ein Anliegen, für das Stephen Sprouse ­immer gekämpft hat. Bleibt zu hoffen, dass die Beamten der Straßenreinigung nicht versuchen, in den nächsten Wochen die "Schandflecke" an den Vuitton-Läden zu entfernen.

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