Lady Gaga
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Lady Gaga Macht Mode interessanter?

Wäre Lady Gaga auch ein Star, wenn sie normal aussehen würde? "Gala" geht der Macht der Inszenierung nach

Als Lady Gaga zum Auftakt ihrer Tournee

jüngst in Seoul ankam, trug sie ein tief dekolletiertes Kleid von Versace Couture, die Haare zu einem Donut gelegt und im Gesicht eine Maske aus Perlen. Ob sie den kompletten Langstreckenflug darin verbracht hatte - wer weiß. Das Outfit war jedenfalls eine Punktlandung. Die Fans bejubelten es, die Presse kommentierte fassungslos, und die Publicity für ihre Tour gab es ganz umsonst dazu.

Florence Welch, Sängerin von Florence + The Machine, wählte für den eleganten Met Ball eine Robe von Alexander McQueen. Wir stimmen mit ihr ein: O Tannenbaum...
© Getty ImagesFlorence Welch, Sängerin von Florence + The Machine, wählte für den eleganten Met Ball eine Robe von Alexander McQueen. Wir stimmen mit ihr ein:O Tannenbaum...

Nun kann man von einer Frau, die schon eine Brille aus brennenden Zigaretten, einen Bolero aus Kermitpuppen und - unvergessen! - ein Kleid aus Koteletts trug, durchaus erwarten, dass sie nicht in Jogginghose und TShirt durch die Ankunftshalle eines Flughafens schlurft. Die Frage "Was um Himmels willen zieht sie als Nächstes an?" ist das Geheimnis ihrer Anziehungskraft. Ihr rasanter Aufstieg als Künstlerin gründet auch auf dem Spiel mit den Erwartungen der Fans (und aller anderen Zuschauer. Die Weltpresse brauchte Wochen, um das besagte Kotelettkleid, nun ja, zu verdauen). Die Provokation ist Methode. Das Ziel jedes Auftritts: Schaut mich an! Denn ohne die wohlplatzierten Kostüme, Haarteile und irrwitzigen Accessoires - wer erinnert sich nicht gerne an die Zeit, als sie überallhin eine Teetasse samt Unterteller mit sich trug - wäre Lady Gaga heute noch dort, wo sie in den New Yorker Clubs erst vor wenigen Jahren angefangen hat: als Sängerin, die netten Discopop macht.

Gleichgültig, wie man zu ihrer Musik steht, das Spektakel darum herum können außer ihr nicht viele liefern. Den meisten fehlt dazu schlicht die Haltung. Eine Perlenmaske trägt nur, wer es ernst meint. Und wem die Meinung der Kritiker - spinnt die? - herzlich egal ist. In Zeiten, in denen viele Stars von übervorsichtigen Stylisten kontrolliert werden, ist man für so viel Wagnis dankbar.

Links: Als die Modechefin der japanischen "Vogue" wurde Anna dello Russo zum weltweiten Blogger-Phänomen. Rechts: Bier-Erbin Daphne Guinness liebt Mode. Sie gehört zu den besten Couture - Kundinnen der Welt.
© Getty ImagesLinks: Als die Modechefin der japanischen "Vogue" wurde Anna dello Russo zum weltweiten Blogger-Phänomen. Rechts: Bier-Erbin Daphne Guinness liebt Mode. Sie gehört zu den besten Couture - Kundinnen der Welt.

"Mode ist ein nie endender kreativer Prozess. Deshalb sind Charaktere wie Lady Gaga immens wichtig, die sich damit komplett identifizieren", sagt Emmanuel de Bayser, Stilexperte und Besitzer der Berliner Boutique The Corner. "Lady Gaga treibt die Mode voran und definiert darüber ihre Persönlichkeit. Das ist der Maßstab für guten Stil. Denn nichts ist langweiliger als Perfektion."

Eine andere Frau, die ihren ganz eigenen Look gefunden hat, ist die - nebenbei hoch talentierte - Sängerin Florence Welch. Ihren letzten modischen Überraschungsmoment lieferte sie ausgerechnet auf dem Met Ball, den sogenannten Oscars der Modewelt. Sie sah in ihrem Kleid von McQueen aus wie ein festlich geschmückter Christbaum und trug dazu ein selbstbewusstes Lächeln im Gesicht, das sagte: Das ist übrigens Absicht.

So ein Outfit ist kein Angebot, es nachzustylen, sondern hat vorrangig den Anspruch, nur eine Person glücklich zu machen: die Trägerin. Florence Welch gefällt sich in ätherischem Fummel und mit feuerroten Haaren nicht nur bei Galaveranstaltungen und auf der Bühne, sondern auch im Alltag. Wie viel Selbstbewusstsein dahintersteckt, kann sich jeder vorstellen, der täglich in Jeans und Pullover aus dem Haus geht. Deshalb freut man sich besonders, Welch und Kolleginnen wie Nicki Minaj, M.I.A. und Robyn, die je auf ihre Weise gaga sind, in ihren Outfits zu sehen. Auch wenn man nicht gerade ihre pinken Perücken und zerfetzten Netzstrumpfhosen kopieren möchte, kann man sich von ihnen den Spaß an der Mode abschauen.

"Mit Exzentrizität können alle Frauen spielen", sagt de Bayser. "Vielleicht nicht jede mit der gleichen Intensität. Aber schon mit einem Hut, einer Tasche, einem Schmuckstück kann man einen Look zu seinem eigenen machen."

Mit einer großen Lust am Experiment geht auch Anna dello Russo ans Ankleiden. Im Tagesjob ist sie die Modechefin der japanischen "Vogue", ihre eigentliche Berufung hat die Italienerin aber als Prinzessin der Haute Couture gefunden. Sie trägt die Looks direkt vom Laufsteg und garniert sie gerne mit Kopfschmuck wie Kirschen und Melonen. Ihr Motto: "Ich will nicht cool sein. Ich will Mode sein!" Die Streetstyle-Fotografen lieben sie, wie auch ihre dunkle Schwester Daphne Guinness, dafür, dass sie nicht so verkniffen dreinschaut wie viele ihrer Kolleginnen in der Branche, sondern ernsthaft Spaß an Mode hat.

Im Herbst wird Anna dello Russo nun eine Schmuckkollektion auf den Markt bringen - bei H&M. Ob sich ihre Originalität auf die Armbänder und Ohrringe übertragen lässt? Das Interessante an modischen Extremen ist schließlich ihre Einzigartigkeit. Eine Kopie ist nie so gut wie das Original.

Sondern besser? Bei Lady Gagas nächstem Halt auf ihrer Tournee trug sie ein bodenlanges schwarzes Lederkleid. Die spannenderen Fotos gibt es von diesem Tag allerdings von einem ihrer Fans, der mit einem thailändischen Tempel auf dem Kopf und Abendrobe zu ihrem Konzert ging - ein ganz eigener Look. Von dem kann sie noch was lernen.

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