Jil Sander
© Action Press Jil Sander

Jil Sander Endlich angekommen

Jil Sander feierte in Mailand ihr Laufsteg-Comeback. Mit Gala sprach die Designerin über ihre Erwartungen, Visionen und das Glück, "zu Hause" zu sein

Wie Schulkinder stehen sie da,

die Modejournalisten, Stylisten und Einkäufer. In Reih und Glied warten sie darauf, der Frau zu gratulieren, die gerade nach acht Jahren Abstinenz ihr Comeback gefeiert hat. Nervosität ist zu spüren. Und als ob sie es kaum glauben könnten, zücken einige ihre Kamera und machen ein Foto von der Designerin, die nun wieder das Regiment in ihrem eigenen Unternehmen führt: Jil Sander.

Im Vorfeld wurde diskutiert: War Jil Sanders Entscheidung die richtige? Die Herrenkollektion beweist, dass die Hamburgerin auch mit 68 Jahren noch mithalten kann
© Action PressIm Vorfeld wurde diskutiert: War Jil Sanders Entscheidung die richtige? DieHerrenkollektion beweist, dass die Hamburgerin auch mit 68 Jahren noch mithalten kann

Vergangenen Samstag zeigte die 68jährige Hamburgerin in ihrem eigenen Showroom beim Mailänder Castello ihre Männerkollektion für das kommende Frühjahr. Wie Gala bereits im Februar exklusiv berichtet hatte, ist sie damit zum zweiten Mal in ihr Unternehmen zurückgekehrt, 44 Jahre nach der Gründung. Kurz nach der Show steht sie scheu in weißer Bluse, schmal geschnittener Hose und Schnürschuhen zwischen Models, Bodyguards und engen Vertrauten. Mit zitternden Mundwinkeln und "im Inneren hoch emotional" nimmt sie die Gratulationen entgegen.

Jil Sander löst mit ihrer Ausstrahlung Respekt aus, wirkt aber andererseits beschützenswert. Ihre Gesprächspartner hält sie an den Armen fest. Etwas Weiches hat das, überraschend für die oft so Distanzierte. Menschen, die sie von früher kennt, fällt sie in die Arme. "Anna!", sagt sie beispielsweise zu der Stylistin Anna dello Russo. "Wie schön, dich wiederzusehen. Ich sehe dich ständig im Internet mit diesen verrückten Kleidern!"

Auch für Gala nimmt sich Jil Sander Zeit. "Holen Sie sich etwas zu trinken", sagt sie gastfreundlich. "Ich bin gleich bei Ihnen!" Mitarbeiter verraten, dass sie in den vergangenen Wochen viel gelacht hat, aber auch sehr angespannt war. Einige Einkäufer waren skeptisch, ob Jil Sander noch mit halten kann in einer Zeit, in der andere den Sander-Look für viel weniger Geld anbieten. Kurz vor der Show waren sich viele nicht sicher, ob ihr Schritt richtig war. Ein Shopbesitzer ließ sogar ausrichten, die Einstellung einer Jil Sander würde dem Zeitgeist nicht mehr entsprechen - gerade Frauen wollten heute sexy Kleider tragen, und genau das mache Jil Sander eben nicht.

In ihrer aktuellen Herrenkollektion zeigt Jil Sander auch auffällige Farben.
© Action PressIn ihrer aktuellen Herrenkollektion zeigt Jil Sander auch auffällige Farben.

Hat sie also großen Druck verspürt? "Nein", antwortet sie. "Es ist mein Schicksal, dass ich wieder hier sein soll. Ich wollte mit meiner Kollektion wieder zu dem zurückkehren, was Jil Sander einmal war. Wir hatten ja nicht wirklich viel Zeit. Aber ich wusste, dass wir es schaffen. Es gibt ein Team mit sehr viel Talent. Das hat mich beruhigt. Und ich hatte eine klare Vision, die ich fortsetzen wollte." Sie blickt durch ein großes Fenster auf das Mailänder Castello: "Sehen Sie, der Turm ist eingerüstet. Und genau so sehe ich unseren Stand. Wir haben die erste Etappe zurückgelegt. Aber am Ende wird alles wieder im alten Glanz erstrahlen."

Sie erinnert sich: "Als ich an meinem ersten Arbeitstag hier im Showroom stand, dachte ich: Wir müssen alles renovieren." Was sich auf das Streichen der Wände bezog, kann auch auf die Kollektion ausgeweitet werden. Schließlich war es Jil Sander, die minimalistische Looks, hervorragendeStoffe und perfekte Schnitte zu einem Gradmesser von Modernität machte. Damit revolutionierte die ehemalige Zeitschriftenredakteurin in den Siebzigern die Mode. Sie gab ihren Kunden eine Garderobe, die nicht durch Opulenz glänzte, sondern durch Einfachheit.

In ihrer ersten Comeback-Kollektion knüpft sie daran an - und überrascht durch einen Schritt nach vorn: Selbst Drucke, früher bei ihr ein Tabu, sind zu sehen. Trotzdem ist ihre Mode weniger an Fashionistas gerichtet, wie etwa die ihres Vorgängers Raf Simons, als an "normale" Kunden. Und vielleicht geht es in diesen unruhigen Zeiten ja genau darum.

Die Kunst, tragbare Kleidung mit visionären Ideen zu verbinden, hat Jil Sander in den vergangenen Jahren beim japanischen Günstig-Anbieter Uniqlo gelernt. Hier kreierte sie über mehrere Saisons die "+J Line". "Während dieser Zeit habe ich versucht, Basics zu entwerfen, die bezahlbar und dennoch perfekt sind", erklärt sie. "Meiner Meinung nach spricht doch nichts dagegen, dass ein T-Shirt hervorragend sitzt. Auch wenn es nicht viel kostet. Daran knüpfen wir mit meiner eigenen Linie an. Ich mache nun quasi Uniqlo für Verwöhnte."

Ihre Visionen wirken so unerschütterlich wie die Mauern des Mailänder Castellos. "Ich war in letzter Zeit regelmäßig in Tokio. Diese Stadt hat mich sehr beeinflusst. Dort leben 40 Millionen Menschen. Vier Millionen fahren jeden Tag aus der Vorstadt ins Zentrum. Ich habe mich oft gefragt, was diese Menschen für Kleidung suchen. Und ich bin mir sicher, dass sie eben nicht verkleidet aussehen wollen, sondern sich gut in dem fühlen möchten, was sie tragen. Und eine gewisse Stärke spüren."

Genau die hat Jil Sander auch. Sie ging nie Kompromisse ein, verließ lieber gleich zweimal das Unternehmen. Am Tag nach der Show steht sie - wieder in einer weißen Bluse - im Showroom, packt mit an und erklärt Kunden ihre Kollektionen. So wie sie es früher auch gemacht hat. "In meinem Alter kann man sich nicht mehr ändern. Vielleicht wollte ich das auch noch nie. Aber Sie sehen ja: Nun bin ich zum dritten Mal wieder da! Und es fühlt sich so an, als sei ich endlich nach Hause gekommen!"

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