Helmut Newton

"Ich bin Feminist!"

Der nackte Körper als Kunstobjekt oder schlichtweg Pornografie? Helmut Newton war zeitlebens umstritten . Dennoch gilt er noch immer als einer der bedeutendsten Modefotografen der Welt

Als 2004 als einer der bekanntesten und renommiertesten Fotografen der Welt starb, stellte sich die Frage seiner Begräbnisstelle nicht. Obwohl der Kosmopolit auf der ganzen Welt zu Hause war und den Großteil seines Lebens die australische Staatsbürgerschaft besaß, wollte er nach dem Tode zurück nach , um in seiner Geburtsstadt begraben zu werden.

Der weltbekannte Fotograf wurde 1920 als Helmut Neustädter, Sohn einer wohlhabenden jüdischen Knopffabrikantenfamilie in Berlin-Schöneberg, geboren. Dort besuchte er auch standesgemäß das Gymnasium, welches er aber nicht zu Ende brachte. Statt des Abiturs begann er 1936 eine Ausbildung bei der damals schon bekannten Akt- und Modefotografin Yva. Die ebenfalls jüdische Fotokünstlerin hatte es im Berlin der späten Zwanziger und Dreißiger Jahre zu großem Erfolg gebracht - sie arbeitete nicht nur für den Ullstein-Verlag und verschiedene Illustrierte, sondern porträtierte auch namhafte Persönlichkeiten aus Stadt und Land. Es war die Machtergreifung der Nationalsozialisten, die ihr weiteres Fortkommen stoppte. Helmut Newton konnte in dieser schwierigen Zeit dennoch viel von ihr lernen; so auch, seine Leidenschaft fürs Fotografieren in professionelle Bahnen zu lenken.

Fotografie

Die berühmtesten Modefotografen

David LaChapelle vor zwei seiner berühmtesten Modelle: David Beckham und Madonna
Helmut Newton vor einem seiner Fotos
Richard Avedon vor einem seiner Portraits
Patrick Demarchelier bei der Arbeit

13

Es war 1938, als Yva ihr Atelier endgültig schließen musste und Helmut Newton seine Heimatstadt verließ. Mit zwei Kameras im Gepäck, wie er später immer wieder gerne erzählte, reiste er zunächst nach Triest, später weiter nach Singapur. "Ich vögelte mich durchs Mittelmeer", wie es über die Überfahrt in seiner Biographie heißt. Dabei reizten ihn vor allem Damen, die älter waren als er, "Frauen, die glamourös und sophisticated sind und Sexappeal haben." Der junge Mann, mit dem Leben davon gekommen, lebte seine Sexualität fortan offen aus - und gab gar seine letzten fünf Dollar in einem Bordell in Singapur aus. "An Bord [hatte] mir jemand gesagt, bei den Chinesinnen würde die Muschi quer sitzen. Das musste ich unbedingt überprüfen." Von der Straße rettete ihn ebenfalls eine ältere Dame, die ihn ein Jahr lang als Gigolo aushielt.

Den Heimatlosen trieb es 1940 nach Australien, wo er bei der Armee zu arbeiten begann. Nach Ende des Krieges 1945 ließ er sich in Melbourne nieder und eröffnete ein Fotostudio, ein Jahr später nahm er die australische Staatsbürgerschaft an. Dort traf er auch die Schauspielerin und Fotografin June Browne (Künstlername Brunell), die er ein Jahr später ehelichte und mit welcher er bis zu seinem Tode zusammenbleiben sollte. Der große Durchbruch dann 1956: In London schloss Newton einen Jahresvertrag mit der britischen "" ab, nach seiner Rückkehr nach Melbourne einen mit der australischen "Vogue". In den kommenden Jahren folgten Zusammenarbeiten mit der französischen "Vogue" und der "Elle". Nach diesen redaktionellen Erfolgen eröffnete Newton dann 1975 seine erste Einzelausstellung in der "Nikon Galerie" in Paris. In Frankreich verbrachten Helmut und June Newton seit den 60er-Jahren schon ihre Ferien, Paris wird in der folgenden Zeit Wohnort des Paares.

Helmut Newton vor einem seiner Fotos

Helmut Newton vor einem seiner Fotos

Was sich als einzige Erfolgsgeschichte liest, lässt sich rückblickend nur schwer greifen. Denn was war es, das Helmut Newtons ungeheueren Erfolg möglich machte? Sein Talent, natürlich. Doch talentiert sind viele - sein spezieller Blick auf die Frau war es, die ihn und seine Bilder bis heute unvergesslich machen. Berühmt sind vor allem seine unzähligen Frauenakte. Es ist die unterkühlte Nacktheit, die fast schon derb inszenierten Körper, die immer wieder Aufsehen erregten oder aber für Aufregung sorgten. Geprägt und fasziniert vom ungeschönten Prostitutionsalltag gerade auch des frühen Berlins war es vor allem die weiblichen Rundungen, die er darstellen wollte. Sex, nicht romantisierende und sentimentale Elemente. "Ich mag Romantik bei Landschaften, aber nicht bei Frauen. [...] Ich hasse das Gerede von Erotik. Reden Sie von Sex. Dann weiß ich, was gemeint ist", so sprach er in einem Interview kurz nach Veröffentlichung seiner Autobiografie 2002.

Das brachte ihm weltweite Beachtung, da der er den schmalen Grad zwischen Kunst und Pornographie oft zu überschreiten schien. , Deutschlands Frauenrechtlerin Nummer eins warf ihm in der EMMA Sexismus, Rassismus und Faschismus vor. Dabei hielt sich Newton selbst für einen Feministen. "Ich wollte meine Frau nie bei irgendetwas überraschen. Ich habe auch noch kein einziges Mal ihre Handtasche aufgemacht." Als ihn seine berühmte Kollegin vor der Linse hatte, das Spiel umdrehte und ihn bat, die Hose zu öffnen und sein bestes Stück herauszuholen, kam er dieser Bitte nicht entgegen. "Ich sage nie zu Frauen: 'Mach deinen Rock auf und zeig mir deine Fotze!' Mit solchen Kommandos entstehen keine Fotos, die mir gefallen." Dies wird ein Grund gewesen sein, warum Helmut Newton über Jahrzehnte an der Spitze seiner Zunft stand, für alle großen Zeitschriften, mit den berühmtesten Modellen arbeitete und sich die Jobs aussuchen konnte.

Neben der Fotografie und schönen Frauen galt seine Leidenschaft schnellen Autos. In der Nacht vom 23. auf den 24. Januar 2004 starb Helmut Newton bei einem Verkehrsunfall in Los Angeles. Allem Leid zum Trotz, welches er mit Berlin in Verbindung bringen konnte, hatte er nur wenige Monate zuvor die "Helmut Newton Stiftung" gegründet und dieser das Gros seines fotografischen Werkes übertragen. Die Stiftung schloss mit der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" einen Vertrag und ist in Berlin-Charlottenburg untergebracht. "Wenn ich abkratze, geht alles hier her", verkündete Helmut Newton noch kurz vor seinem Tod. Er liegt heute unweit von begraben.

Star-News der Woche