Fashion Week 2016: Hannah Herzsprung
© Getty Images Hannah Herzsprung

Fashion Week 2016 Der neue Berliner Luxus

Rote-Bete-Saft ist der neue Champagner, Minimalismus ist die neue Opulenz: Der Lifestyle in der deutschen Hauptstadt glänzt jetzt wieder auf Weltniveau

Unter Luxus verstand man in Berlin bis vor Kurzem Flusskrebssalate in der Lebensmittelabteilung des KaDeWe, Menschen mit Champagnerflöten in Karl Lagerfelds Schlosshotel im Grunewald oder die Anschaffung eines gepflegten Millionärspudels, der sich gern über den Ku’damm tragen lässt.

West-Berlin ist wieder angesagt

Der alte Luxus-Lifestyle des Berliner Westens feierte in den vergangenen Jahren ein Comeback. Man schwärmte wieder von den Orten, an denen Helmut Newton in West-Berliner Hotels fotografierte, und erinnerte sich gern an die Zeiten vor der Maueröffnung. So blieb man irgendwie der Vergangenheit verhaftet. Genau diese Luxustemperatur im Westen der Stadt zog bisher immer die kaufkräftige Kundschaft an. Derzeit aber herrscht dort keine gute Stimmung. Moskauerinnen, die bei Chanel auf Russisch über Rocklängen streiten, stoßen nicht mehr auf uneingeschränkte Gegenliebe. "Zu neureich, zu heftig", lästern die alten West-Berliner. Dabei hatten die Russen schon in den Zwanzigerjahren den Glamour in den Berliner Westen gebracht, der damals den Spitznamen "Charlottengrad" trug. Hier lebte zum Beispiel der Schriftsteller Vladimir Nabokov. Fuhr man damals mit der Buslinie 8 in Richtung Schöneberg, rief der Schaffner als Haltestelle "Russland!" aus, wenn der Nollendorfplatz in Sicht kam.

Fashion Week 2016: Passt zum Berliner Luxus: Die Luxus-Hipster-Generation setzt auf minimalistische Taschen (hier von Joop!)
© PRPasst zum Berliner Luxus: Die Luxus-Hipster-Generation setzt auf minimalistische Taschen (hier von Joop!)

Berliner Luxus gleicht dem in London oder New York

Jetzt hat Berlin den Luxus für sich neu definiert. Das wird bisher zwar nur in Mitte und Prenzlauer Berg sichtbar, unterscheidet sich aber kaum noch von der Londoner oder New Yorker Luxuswelt. Täglich sichtet man mehr Saint-Laurent-Bags an blass manikürten Händen, man genießt Algensalat, trinkt kalt gepresste Gemüsesäfte und schminkt sich mit Öko-Kosmetik wie "Und Gretel". Das Outfit schreit nicht nach Aufmerksamkeit: kleine Céline-Taschen, Zeltmäntel, runde Brillen, hoch sitzende Hosen, Haarknödel auf dem Kopf; dazu Yogamatten im Schlepptau und blasse Gesichter ohne Lippenstift – Mädchen und Frauen, wie sie die weltweiten Styleblogs bevölkern. Im Concept Store "The Corner" registriert man eine Internationalisierung des Kaufverhaltens. "Berliner Kunden sind heute auf dem gleichen Level wie Paris, London und New York. Man verlangt dieselben Luxusmarken, etwa Gucci, JW Anderson, Céline, Saint Laurent oder Valentino. Die kaufkräftige Klientel ist heute außerdem sehr international und durch Social Media bestens informiert", sagen die Besitzer Josef Voelk und Emmanuel de Bayser, Vorreiter des neuen Berliner Luxus. Mit Bling-Bling hat man hier wenig am Hut. "Der Stil ist weniger rockig oder sexy und schon gar nicht alternativ. Eher cool und gepflegt." Auch wer durch "The Store", den Designerladen im "Soho House", schlendert, wird keine Fans tiefst ausgeschnittener Balmain-Killerkleider finden. Hier shoppt man eher Dunkelblaues. Dazwischen gibt’s einen Rote-Bete-Saft und ein Avocado-Biobrot. An Champagner, ehemals der Inbegriff des leichten morgendlichen Schwips beim Luxusshopping, ist schon gar nicht zu denken – ebenso wenig wie an Nachtleben-Menschen, die hier zufällig nach dem Feiern in der "Panoramabar" hineinstolpern. Luxus heißt in Berlin, wie derzeit auch in New York oder Los Angeles, gesund aussehen, den Körper nicht zerstören und für die nächsten Jahre möglichst alterslos wirken. Man mag es jetzt natürlich. Und unauffällig.

Fashion Week 2016: Das KaDeWe: Seit der Gründung 1907 ist es das Luxuskaufhaus schlechthin. Kontinuierlich wird am hohen Anspruch gearbeitet, etwa mit Designer-Installationen im Lichthof
© PRDas KaDeWe: Seit der Gründung 1907 ist es das Luxuskaufhaus schlechthin. Kontinuierlich wird am hohen Anspruch gearbeitet, etwa mit Designer-Installationen im Lichthof

Eine neue Generation von Konsumenten ist mitverantwortlich für die spezielle Berliner Idee von Luxus: die Yuccies (Young Urban Creatives), eine Mixtur aus Yuppie und Hipster. Der Yuccie ist prägend für die Berliner Nobelklasse. Was macht ihn aus? Sein Lebensziel ist es, sehr schnell reich zu sein, am besten mit einem eigenen Startup- Unternehmen, um die kreative Autonomie zu bewahren. Der Yuccie ist kein Yuppie mehr, sondern ein Hipster mit Geld. Und das muss er sein, sonst könnte er sich die teuren Cappuccinos und den Espresso (der Bitterkeitsgrad wird mit einer App gemessen) im Cafe "The Barn" in Mitte nicht leisten.

Fashion Week 2016: Moderner Luxus: Die Kollektion von Luise Friedlaender steht hoch im Kurs
© PRModerner Luxus: Die Kollektion von Luise Friedlaender steht hoch im Kurs

Ein Paradebeispiel sind die Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander, Gründer von Zalando und dem Start-up Rocket Internet. Sie gehören zu den reichsten Berlinern und sind die Ikonen der neuen Generation. Vorbild der Berliner Yuccie-Variante ist die Tech-Welt von San Francisco oder Palo Alto, wo 43 Prozent der Zwanzigjährigen ihr Geld in veganes Edelessen und Tech-Spielzeuge pumpen und nicht in Designer-Fashion. Der neue Berliner Luxus offenbart sich momentan an zwei Fragen: Ist man bereit, neun Euro für einen Rote-Bete-Saft auszugeben? Und: Hat man schon das neueste i-Phone? Hochwertiges Essen oder Detox-Säfte funktionieren längst als Unterscheidungsmerkmal. Statt eines Porsche- Schlüssels wirkt ein Gemüse-Smoothie in der Hand heute glaubwürdiger, wenn man zur In-Crowd gehören möchte.

Steigende Immobilienpreise und Star-Architekten in Berlin

Steigende Immobilienpreise sind ein Indiz für neue Entwicklungen. Teure Neubauten nennt man in Berlin jetzt "Salon-Appartement". Entworfen von Star-Architekt David Chipperfield, soll ihr Look an die Salonkultur des 19. Jahrhunderts anknüpfen, als die Schriftstellerin und Salondame Rahel Varnhagen ihre Gäste empfing und Reichtum noch in Edelsteinen und Pelz gemessen wurde. Selbst Brad Pitt wurde neulich in der Tucholskystraße gesehen, wo er nach Wohnraum Ausschau hielt. Doch es ist nicht der Preis, mit dem man heute in Berlin angibt. Es sind vielmehr die hohen ökologischen Baustandards, die laut Maklern vor allem jüngere, wohlhabende Käufer einfordern. Oft stammen sie aus dem Süden des Landes und leben in einer "Bart, Bike und Kinderwagen-Welt, die sich wie Brooklyn anfühlt". So beschrieb vor Kurzem eine Reporterin der "New York Times" den Lifestyle der Hauptstadt-Hipster. Wer sich aber nach den alten Statussymbolen wie Pelze, Juwelen und Autos zurücksehnt, der sollte sich einfach ins "Grosz" am Ku’damm setzen und den Russinnen beim Safttrinken zusehen. Den hat das schicke Fleisch-Restaurant dann doch auf die Karte nehmen müssen.