Fashion-Handwerk

The new Culture Mix

Gala Style stellt vier Designer vor, die aus der Handwerkskunst fremder Kulturen und urbanen Trends einzigartige Kollektionen kreieren

Culture-Mix

Culture-Mix

Wenn sich eine Fußgängerzone in Bilbao

nur marginal von einer Frankfurter Shoppingmeile unterscheidet und ein T-Shirt weniger kostet als ein Big Mac, keimt der Wunsch nach Authentizität auf. Viele Designer setzen deshalb dem konformistischen Einheits-Look à la H&M und Zara die traditionelle Handwerkskunst fremder Kulturen entgegen: Authentic Chic - ein moderner Bohemien-Style mit ethnischem Twist.

Folkloristische Stoffe, moderne Schnitte - so hip ist "Authentic Chic".

Folkloristische Stoffe, moderne Schnitte - so hip ist "Authentic Chic".

Ob zum Yoga-Retreat nach Indien, für einen Ayurveda-Workshop nach Sri Lanka oder auf Rucksackreise durch Tansania - die sogenannten Gipsetter spüren die exotischsten und entlegensten Orte auf. Aber im Gegensatz zu normalen Urlaubern nehmen diese trendsetzenden Zigeuner nicht nur hübsche Erinnerungen, sondern gleich eine neue Geschäftsidee mit nach Hause.

Die Zutaten: ein Gespür für Mode, ein Faible für andere Kulturen, ein wenig Unternehmergeist sowie eine Portion Mut. Agnès b. wäre heute kein millionenschweres Modeunternehmen, wäre Mademoiselle Agnès Andrée Marguerite Troublé in den Siebzigerjahren nicht verrückt genug gewesen, um in ihrer Pariser Boutique chinesische Mao-Anzüge und Fahrräder zu vertreiben. Bohemien-Queen Talitha Getty tat es ihr gleich und importierte zottelige Afghanen-Mäntel.

Thu Thu: Thuy Duong Nguyen nutzt ihre vietnamesischen Wurzeln für ihre coolen Designs. Jacke, ca. 510 Euro, Shorts, ca. 230 Euro

Thu Thu: Thuy Duong Nguyen nutzt ihre vietnamesischen Wurzeln für ihre coolen Designs. Jacke, ca. 510 Euro, Shorts, ca. 230 Euro, thu-thu.com

Auch gegenwärtig dienen kreative Erzeugnisse aus aller Welt Designern als Inspirationsquelle - man denke nur an Dries van Notens atemberaubend schöne Stickereikleider. In Zeiten von Massenanfertigung sind wieder Unikate mit einer Geschichte gefragt. Modeschätze. So wie die farbenfrohen Mix & Match-Kollektionen des Londoner Labels Thu Thu.

Dahinter verbirgt sich die Designerin Thuy Duong Nguyen - geboren in Vietnam, aufgewachsen in Deutschland: "Unser Markenzeichen ist die Weiterverarbeitung handbestickter Röcke und Decken des Hmong-Stammes aus Sapa, einer Region in den Bergen Nordvietnams. Jede Hmong-Frau beginnt mit der Anfertigung eines Rockes, wenn ein Mädchen geboren wird, und so eine Knüpfarbeit kann mehrere Monate dauern", erklärt Thuy Duong Nguyen. In ihren Entwürfen verschmelzen beeindruckende Material- und Farbkontraste - eine ungewöhnliche Melange aus traditionellen Stoffen und zeitgenössischen Schnitten. Kein Wunder, dass das Newcomer-Label in styleweisenden Boutiquen wie dem Londoner Browne und dem Berliner Quartier 206 vertrieben wird.

Jovanna Kruitbosch und Martijn Lugtigheid verarbeiten Perserteppiche zu Schuhwerk. Schnürschuh, ca. 150 Euro, Stiefel, ca. 180 E

Jovanna Kruitbosch und Martijn Lugtigheid verarbeiten Perserteppiche zu Schuhwerk. Schnürschuh, ca. 150 Euro, Stiefel, ca. 180 Euro, kiboots.nl

Mit seiner Reminiszenz an ferne Orte und exotische Handwerkskunst steht es stellvertretend für eine neue urbane Ästhetik - den Culture-Mix.

Auch die Amsterdamer Designer Jovanna Kruitbosch und Martijn Lugtigheid schweiften in die Ferne, um das Gute zu finden: "Während einer unserer vielen Reisen verliebten wir uns in die verrückten Kelims - bunt gewebte Teppiche aus Persien und dem Balkan, in unzähligen verschiedenen Farben und Mustern", erzählt Jovanna Kruitbosch. Die traditionellen Webstoffe, die sie aus Marokko und der Türkei beziehen, wurden Grundlage ihrer handgefertigten Lederboots.

Innerhalb kürzester Zeit avancierte ihr 2010 gegründetes Label Kiboots zur absoluten It-Marke, und inzwischen hat jede Amsterdamer Boutique, die einigermaßen etwas auf sich hält, ihre Hingucker-Stiefel im Sortiment.

Made UK: Hattie Rickards lässt ihren "Fair Trade"- Schmuck in Afrika produzieren. Ring, ca. 55 Euro, Kette, ca. 240 Euro, made.u

Made UK: Hattie Rickards lässt ihren "Fair Trade"- Schmuck in Afrika produzieren. Ring, ca. 55 Euro, Kette, ca. 240 Euro, made.uk.com

Überaus erfolgreich sind auch die Kreationen der Londoner Designerin Hattie Rickards. Die Britin entwirft für die Fair-Trade-Organisation Made UK außergewöhnlichen Schmuck zusammen mit einem kenianischen Workshop. Die gefeierte junge Designerin fühlt sich inspiriert von der wunderbaren Mischung aus lokalen Tribal-Einflüssen und modernem Design. "Ich bin total begeistert von der Herzlichkeit der Menschen und fühle mich dazu verpflichtet, ihnen mit Respekt zu begegnen." Und genau das tut sie, in Form von Schmuckkollektionen aus recyceltem Glas.

Auch Andrea Kolb, Gründerin des Labels Abury, weiß, dass es eine immer größer werdende Sehnsucht nach Einzelstücken und Originalität gibt. Als sie vor fünf Jahren nach Marrakesch kam, war sie fasziniert von der Kunstfertigkeit, Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen, die gleichzeitig oft in großer Armut leben. "Da kommt man schnell ins Nachdenken, was man tun kann, um zu helfen - nicht kurzfristig, sondern nachhaltig, nicht für die Menschen, sondern mit ihnen, als Social Business", sagt Andrea Kolb. "Und so sind wir auf das Kunsthandwerk des Taschenbestickens gekommen."

Abury: Designerin Andrea Kolb hat es sich zur Mission gemacht, das Kunsthandwerk der Berber zu erhalten. iPad Case, ca. 250 Euro

Abury: Designerin Andrea Kolb hat es sich zur Mission gemacht, das Kunsthandwerk der Berber zu erhalten. iPad Case, ca. 250 Euro, Clutch, ca. 190 Euro, abury.net

In Zusammenarbeit mit einer Dorfgemeinschaft im Atlasgebirge und einem französischen Designer entstehen einzigartige Clutches und iPad-Taschen. 50 Prozent der Gewinne fließen zusätzlich zur fairen Bezahlung wieder zurück in die Community. Sogenannte "Global Entrepreneurs" wie Andrea Kolb spüren, dass es an der Zeit ist, Knowhow auszutauschen, und dass es gerade solche wechselseitigen Beziehungen sind, aus denen etwas großartiges Neues entsteht.

Ihr Label Abury ist das beste Beispiel für den Authentic Chic, und dafür, dass Social Business und stylische, qualitativ hochwertige Luxusprodukte sich nicht ausschließen. Im Gegenteil, beides lässt sich ganz wunderbar miteinander kombinieren.

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