Carine Roitfeld
© WireImage.com Carine Roitfeld

Carine Roitfeld Starker Abgang

Nach der überraschenden Kündigung der Pariser "Vogue"-Chefin Carine Roitfeld brodelt es in der Fashion-Branche

Natürlich geht die Welt jetzt nicht gleich unter.

Und die "Vogue", konkret die französische Ausgabe, wird auch nicht eingestellt. Doch die Reaktionen der Fashionistas in den Mode-Blogs beweisen: Die Kündigung von Carine Roitfeld bei "Vogue Paris" ist ein Schock. Der überraschende Abgang der Französin, die sich mal als "Punk der 'Vogue'-Familie" bezeichnete, markiert das Ende einer Ära, das Ende der Rebellion gegen das Establishment.

Genussvoll spielte Carine Roitfeld in den zehn Jahren ihrer Regentschaft bei "Vogue Paris" mit der Provokation. Ein Transvestit auf dem Cover der Fashion-Bibel! Gefesselte Models im Heft! Und, vermutlich noch skandalöser: Sophie Marceau mit Zigarette! Wenn sie darauf angesprochen wurde, sagte sie: "Man kann es nicht allen recht machen, non?"

Ihre Stimme ist leise, sehr warm und angenehm. Abseits des Modezirkus' lebt Carine Roitfeld, Tochter eines Filmproduzenten aus der Ukraine, ein ganz normales Leben. Während Kolleginnen sich morgens mit der Limousine ins Büro bringen lassen, fährt sie einen alten Mini. Andere Frauen schauen grimmig, wenn sie in der ersten Reihe einer Fashion-Show fotografiert werden, doch Carine Roitfeld sagt:

Carine Roitfeld in der ersten Reihe einer Modenschau, wie immer ohne Handtasche. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen verachtet sie It-Bags
© Getty ImagesCarine Roitfeld in der ersten Reihe einer Modenschau, wie immer ohne Handtasche. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen verachtet sie It-Bags

"Ich bin immer freundlich und lache in die Kamera. Wissen Sie warum? Ich respektiere jeden Job. Und die Fotografen machen auch nur ihre Arbeit. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich mit einem Lachen viel besser aussehe. Es ist doch generell kein Drama, zu den Modeschauen zu gehen und sich wunderschöne Kleider von der ersten Reihe aus anzusehen." Mit dieser Einstellung schaffte es die heute 56-Jährige, den Stil einer ganzen Generation zu beeinflussen, zu einer Instanz zu werden. Sogar als Nachfolgerin von Anna Wintour an der Spitze des Mutterblatts, der US-"Vogue", wurde sie gehandelt. Die Looks der ehemaligen Stylistin, die gemeinsam mit Tom Ford das provokante Image von Gucci erfand, wurden gefeiert. Ihr Stil gilt als wegweisend. Sie stapelt trotz des großen Lobs, das sie weltweit erhält, immer tief. 2007 sagte sie in einem Interview: "Ich genieße das alles jeden Tag und bin dankbar für diese Aufgabe. Denn ich bin mir darüber im Klaren, dass ich in der Modeszene irgendwann nicht mehr 'in fashion' bin. In drei oder vier Jahren sitzt hier jemand anderes."

War ihr Abschied also der lang geplante Schritt in eine neue Lebensphase? Es gibt einige Argumente dafür. Tom Ford ziert als Gast-Chefredakteur das Cover der aktuellen "Vogue Paris" - es wirkt wie eine letzte Hommage von Carine Roitfeld an ihren großen Förderer. "Man sollte gehen, wenn man ganz oben ist", sagte sie vergangene Woche nach Bekanntwerden ihrer Kündigung. "Ich habe früher immer als freie Stylistin gearbeitet. Vielleicht bin ich das in meinem Herzen immer noch. Als ich bei 'Vogue' angefangen habe, fand ich es ganz seltsam, ein eigenes Büro und eine Assistentin zu haben und meinen Jahresurlaub planen zu müssen."

Ihr Förderer: In den Neunzigern sorgte Carine Roitfeld mit Tom Ford für das neue Gucci-Image. Gerüchten zufolge werden die beiden ab 2011 wieder zusammenarbeiten.
© WireImage.comIhr Förderer: In den Neunzigern sorgte Carine Roitfeld mit Tom Ford für das neue Gucci-Image. Gerüchten zufolge werden die beiden ab 2011 wieder zusammenarbeiten.

Ganz freiwillig scheint Carine Roitfeld jetzt aber nicht gegangen zu sein. Gala-Informationen zufolge weigerte sie sich, Zugeständnisse bei der Auswahl der Modemarken zu machen, die in ihrem Magazin präsentiert werden. Als Kriegserklärung kann gewertet werden, dass sie in der "September Issue", der wichtigsten Ausgabe des Jahres, kein Outfit von Balenciaga zeigte - und das, obwohl das Label zu den wichtigsten Luxushäusern der Welt zählt. Das gab Ärger. "Carine weigerte sich, in die Knie zu gehen. Bevor sie Kompromisse hätte eingehen müssen, hat sie einfach gekündigt", verriet einer ihrer Vertrauten Gala.

In den Ruhestand wird Carine Roitfeld so bald nicht gehen. Vieles spricht dafür, dass sie in Kürze wieder für Tom Ford arbeitet. Der Look von Fords erster Damen-Kollektion ist "très Carine", und der Designer ließ ausrichten: "Sie ist eine gute Freundin. Wer weiß, was passiert." Aber auch andere Modefirmen haben Interesse an Roitfeld. Stylisten ihres Ranges verdienen um die 10.000 Euro. Pro Stunde. "Wenn ich gute Angebote bekomme, warum sollte ich sie nicht annehmen?", sagt die Umworbene.

Und wer wird ihre Nachfolgerin bei "Vogue Paris"? Hoch gehandelt werden Virginie Mouzat von "Le Figaro" sowie Carines enge Freundin Aliona Doletskaya, die ehemalige Chefredakteurin der russischen "Vogue". Carine Roitfeld äußert sich zu dem Thema so: "Ich habe keine Ahnung, wer es werden könnte. Ich weiß nur: Meine Redaktion ist ein Dream-Team. Und dieses Dream-Team wird auch weiterhin bestehen." Das klingt wieder wie eine Kampfansage.

Marcus Luft