Annie Leibovitz Porträtistin der Königin

Die Königin von England, die schwangere Demi Moore oder den nackten John Lennon neben seiner Yoko - Fotografin Annie Leibovitz hat schon viele Bilder geschossen, die ihren Weg ins kollektive Gedächtnis fanden

Die Bilder gingen um die Welt. Die Königin Elisabeth II. sitzt für ein Foto-Shoot in vollem Ornat, goldbestickter Mantel und Krone inklusive, vor der Kamera der berühmten US-Fotografin Annie Leibovitz. Letztere schlägt vor, das Ganze auch ohne Kopfschmuck zu probieren, da der Mantel bereits sehr mächtig wirke. In der nächsten Sequenz sieht man die Königin davonschnauben, sich über die unzähligen Sitzungen dieser Art mokierend. Ein Skandal - Annie Leibovitz hatte die Queen verärgert! Es stellte sich alsbald heraus, dass es sich hierbei um eine Täuschung handelte. Die BBC hatte die Szenen für einen ihrer Trailer in verfälschender Weise aneinandergeschnitten, noch dazu Zitate über Szenen gelegt, die in anderen Zusammenhängen fielen. So gab es bei den offiziellen Hof-Aufnahmen in Wirklichkeit kein böses Blut - unnötig hinzuzufügen, dass sich Königin Elisabeth II. Annie Leibovitz explizit gewünscht hatte.

Annie Leibovitz wurde am 2. Oktober 1949 in Connecticut als drittes von sechs Kindern eines Leutnants der Air Force und einer Tanzlehrerin geboren. Nach Abschluss der High School zog sie nach San Francisco und studierte dort am "Art Institute" Malerei und Fotografie. Noch als Teenager begann dann ihre Laufbahn als Fotografin - 1969 begann sie für den "Rolling Stone" zu arbeiten. Eine Zusammenarbeit, die mehr als zehn Jahre andauern sollte. Das zunächst auch noch politisch ausgerichtete Musikmagazin öffnete ihr die Türen zu vielen weiteren Zusammenarbeiten, 1975 begleitete sie dann die Rolling Stones selbst auf ihrer Welttournee, was ihren Bekanntheitsgrad enorm steigerte. Einen ersten traurigen Höhepunkt ihrer Karriere bildete das Foto-Shoot 1980 mit John Lennon und dessen Ehefrau Yoko Ono. Nur einen Tag nach diesem wurde der Ex-Beatle auf offener Straße ermordet. Die Fotos selbst, die einen nackten John Lennon neben einer in schwarz gehüllten Yoko zeigen, erlangten - wohl auch aufgrund des morbiden Hintergrunds - weltweiten Bekanntheitsgrad.

Ab 1983 arbeitete sie mit der amerikanischen "Vanity Fair" zusammen und die wirklich großen prominenten Namen begannen, Annie Leibovitz und ihre Kamera zu suchen. Neben unzähligen Portraitierungen von Jazz- und Rock-Musikern folgten zu dieser Zeit auch die großen Werbekampagnen für "American Express" und "Gap", für welche sie ebenfalls prominente Gesichter ablichtete.

Annie Leibovitz vor einem ganz besonderem ihrer Portraits: Königin Elizabeth II.
© FreitextAnnie Leibovitz vor einem ganz besonderem ihrer Portraits: Königin Elisabeth II.

Ab 1988 war sie mit der legendären us-amerikanischen Journalistin und Publizistin Susan Sontag liiert. Eine Beziehung, die in vielerlei Hinsicht Annie Leibovitz' Leben und Werk prägte. Nie wohnten sie unter einem Dach, doch waren ihre Apartements nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Es wurde eine Beziehung, die von intellektueller, freundschaftlicher, aber auch partnerschaftlicher und wohl auch erotischer Natur geprägt war. Die beiden sprachen dies nie aus. Erst nach Susan Sontags Tod 2004, den die weltberühmte Fotografin fotografisch begleitete, gar auf ihre Art fotografisch dokumentierte, konnte sie offener über die Verbindung sprechen. In Interviews zu ihrer Buchveröffentlichung 2006 "A Photographer's Life 1990 - 2005" gab sie an, dass sie Susan wirklich geliebt habe.

2001, noch zu Lebzeiten Sontags, bekam Annie Leibovitz, 52-jährig, ihr erstes Kind. Vater des Mädchens, so die Fotografin später, sei ein anonymer Samenspender gewesen. Und dass Annie Leibovitz Fotografin durch und durch ist, wurde spätestens bei der Entbindung klar. Sie selbst nämlich schoss während des Geburtsvorganges Bilder - diese konnten zwar später nicht benutzt werden, da sie zu verwackelt waren, aber der Wille war vorhanden. Stattdessen hatten eine Ärztin und andere Personen die Aufgabe übernommen, die Bilder zu schießen. Das Ergebnis sind Aufnahmen von blutverschmiertem Operationsbesteck und einem Neugeborenen mit soeben durchtrennter Nabelschnur. 2005 wurde sie dann ein zweites und drittes Mal Mutter: eine Leihmutter gebar ihr in diesem Jahr Zwillinge.

Annie Leibovitz gehört seit nun mehr als drei Dekaden zu den unumstrittenen Größen der Star- und Modefotografie. Ihre Bilder der schwangeren Demi Moore oder einer in Milch badenden Whoopi Goldberg haben inzwischen Kultstatus erreicht. Doch die Bildkunst der Annie Leibovitz war nicht immer unumstritten. Als sie 2006 das Titel-Bild der amerikanischen "Vanity Fair" schoss und für dieses ein Familienbild von Tom Cruise, Katie Holmes und Tochter Suri nutzte, war dies einigen Kritikern zu konventionell, zu harmonisch. "Du meine Güte", so die Fotografin als Reaktion auf die Kritik, "es ist ein Babyfoto, und Babyfotos sind so." Auch ein Titel-Shoot mit der noch minderjärigen Miley Cyrus, die halbnackt posiert, ließ Kritik aufkommen.

Annie Leibovitz arbeitet auch heute noch für die großen Lifestyle- und Modemagazine wie "Vogue" und "Vanity Fair". Für die aktuelle "Louis Vuitton"-Kampagne fotografierte sie unter anderem Francis Ford und Sophia Coppola, Steffi Graf und Andre Agassi, Catherine Deneuve und Keith Richards.

Dokumentarfilm: "Annie Leibovitz - Life through a Lens"
© PRDokumentarfilm: "Annie Leibovitz - Life through a Lens"

Neben mehreren Buchveröffentlichungen erschien 2006 außerdem der Film "Annie Leibovitz - Life through a Lens" ihrer jüngeren Schwester Barbara. Die Regisseurin begleitete in dieser Dokumentation die Fotografin ein Jahr und beleuchtet Annie Leibovitz' Karriere von ihren Studienjahren bis hin in die Gegenwart als Star-Fotografin. Neben ihrem Werk werden auch die ganz privaten Seiten der eher kamerascheuen Fotokünstlerin dargestellt. Die DVD erschien 2008 bei Arthaus auch auf dem deutschen Markt.

Man kann davon ausgehen, dass die wohl berühmteste und einflussreichste Fotografin der Gegenwart auch in Zukunft weiter von der Modeindustrie, Stars, Sternchen und auch der Königin gerufen wird, um abgelichtet zu werden - ob mit, oder ohne Krone.