Youcef Nabi

"An mir ist nichts gefälscht"

Youcef Nabi ist der Chef von Lancôme - und eine der schillerndsten Figuren der Beauty-Branche. Stars wie Julia Roberts verehren ihn

Youcef Nabi

Youcef Nabi

Er stellt sich uns als Youcef vor,

doch in der Firma wird er nur "Sue" genannt. Youcef Nabi, 41, ist seit Juli 2009 Chef der französischen Kosmetikmarke Lancôme. In seinem Büro in Levallois bei Paris empfängt uns der gelernte Agraringenieur in Marlene-Dietrich-Hose und leicht ausgeschnittenem Top. Er ist groß, dezent geschminkt und trägt die langen Haare offen. Seine Stimme ist weder eindeutig maskulin noch besonders weiblich. So oder so, Youcef Nabi lebt gern beide Seiten aus - und hat genau damit Erfolg. Seine außergewöhnliche Persönlichkeit scheint nicht nur die Beauty-Branche überzeugt zu haben und machte ihn vom Chef von L'Oréal Paris zum "Directeur Général International" von Lancôme.

Viele Stars sind von der charismatischen Art des gebürtigen Algeriers fasziniert. Mario Testino etwa konnte er überzeugen, als Hausfotograf für ihn zu arbeiten. Und Julia Roberts, die ihr Gesicht bisher für keine Werbekampagne hergeben mochte, übernimmt für ihn gern die Funktion des Testimonials. Sein jüngster Coup: Für die neue "Trésor"-Duftkampagne zog er Penélope Cruz an Land.

Was führt einen Agraringenieur in die Kosmetik-Branche?

Die Welt der Schönheit und Farben hat mich schon immer stark angezogen. Ich glaube, ich hatte immer zwei Persönlichkeiten in mir. Der Ingenieur in mir interessiert sich für das Wie und Warum, für die wissenschaftliche Seite. Und gleichzeitig habe ich ein Auge für Proportionen, Farben, Gerüche. Ich hätte auch Schönheitschirurg werden können, weil es technisch und gleichzeitig künstlerisch ist. Die zwei Seiten sind bei mir schon in ganz jungen Jahren präsent gewesen.

Wann haben Sie angefangen, sich für Kosmetik zu interessieren?

Oh, das weiß ich noch ganz genau. Es war kein Produkt, sondern ein grüner Schmink­kasten von Estée Lauder, der meiner Mutter gehörte. Darin gab es alles – Rouge, Lidschatten und so weiter. Ich habe immer wieder reingeschaut, mich hin und wieder auch daraus bedient. Manchmal hat meine Mutter auch diese grünen Masken im Gesicht gehabt. Die wollte ich dann auch unbedingt ausprobieren.

N ach dem Sh ooting mit Julia Roberts begutachtet Youcef Nabi (auf dem Sofa, r.) mit Fotograf Mario Testino (M.) die Bilder.

Nach dem Shooting mit Julia Roberts begutachtet Youcef Nabi (auf dem Sofa, r.) mit Fotograf Mario Testino (M.) die Bilder.

Lancôme gab es zu dieser Zeit ja auch schon.

Ja, das ist übrigens auch ganz interessant. Mit ungefähr 16 oder 20 war ich nämlich absolut begeistert von den Fotos von Isabella Rossellini, die sie für Lancôme gemacht hatte. Ich habe diese Bilder geliebt. Dass ich nun 20 Jahre später ausgerechnet für diese Marke arbeite, finde ich toll. Ich glaube an Zeichen und Begegnungen.

Seit Juli 2009 sind Sie Chef von Lancôme. Ihr Traumberuf?

Mein Traum war in erster Linie, eine Kosmetikmarke zu leiten. Vier Jahre lang war ich ja schon Chef von L’Oréal Paris. Als mir dann der Posten bei Lancôme angeboten wurde, habe ich mich an Isabella Rossellini erinnert. Es ist wie ein Kreis, der sich schließt. Und der Posten kommt einem Traumberuf sehr nahe.

Mit Julia Roberts werben zu dürfen ist der Traum eines jeden Unternehmens. Wie haben Sie es geschafft, sie für sich zu gewinnen?

Frauen wie Julia Roberts nehmen Angebote nur unter der Voraussetzung an, dass man sie respektiert und ihr Ansehen in der Öffentlichkeit nicht ver­rät. Ich bin extra von Shanghai nach Los Angeles geflogen, um sie zu treffen. (lacht) Wir haben zusammen Mittag gegessen und fast zwei Stunden miteinander verbracht. Während der ganzen Zeit bekam sie SMS von ihrem Ehemann, der ihr schrieb, sie solle endlich nach Hause kommen. Es war eine sehr vertraute und respektvolle Begeg­nung. Ich glaube, sie wollte einfach wissen, wie ich mir ihr Auftreten für Lancôme vorstellte. Sie hat eine sehr klare Meinung darüber, wer sie selbst ist, und lässt ganz sicher nicht alles mit sich machen.

Sie haben auch Mario Testino von sich überzeugt.

Bei Mario war es genauso. Unabhängig von irgendwelchen finanziellen Verhandlungen treffe ich die Menschen in jedem Fall vorher persönlich. Um zu sehen, ob die Chemie stimmt. Ich bin jemand, der Vertrauen ver­mittelt und zu dem man auch Vertrauen haben kann. Ich verrate lieber einen kommerziellen Gedanken als eine Person. Wenn mir Julia Roberts sagt, sie möchte dieses oder jenes nicht machen, dann nehme ich das ernst.

Julia Robert für Lancôme zu gewinnen, ist Youcef Nabis Meisterstück.

Julia Robert für Lancôme zu gewinnen, ist Youcef Nabis Meisterstück.

Sie hat kürzlich in einem Interview gesagt: Ich liebe Lancôme, weil Menschen dahinterstecken, die ihre Arbeit aufrichtig machen. Hat sie da von Ihnen gesprochen?

Vielleicht. (lacht) Ich bin auf jeden Fall eine aufrichtige Person. Ich bin ich selbst, an mir ist nichts gefälscht. Ich habe immer Lust, den Menschen zu sagen: "What you see is what you get." Das gilt auch für unsere Produkte.

Sie stehen an der Spitze eines großen Unternehmens. Welche Eigenschaften benötigt man, um eine Marke wie Lancôme zu führen?

Man braucht sehr viel Kraft und Stabilität. Als Chef eines Unternehmens steht man ständig unter Beschuss. Es gibt unheimlich viel Druck. Sobald ein Konkurrent etwas gut gemacht hat, drängt jeder Sie dazu, das Gleiche zu tun. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, nicht zu kopieren, sondern zu verstehen, warum etwas funktioniert hat. Wenn es auf einem grundlegenden Bedürf­nis basiert, muss man überlegen, wie man das auf eigene Art und Weise umsetzen kann.

Sie selbst zeigen große Sensibilität für die Wünsche der Frauen. Ist das Ihr Erfolgsrezept?

Es ist in jedem Fall hilfreich. Um ein Unternehmen zu führen, braucht man männliche und weib­liche Qualitäten. Gerade für eine Marke wie Lancôme ist es wichtig zu verstehen, was Konsumentinnen von den Produkten erwarten. Gleichzeitig benötigt man Eigen­schaften, die – in Anführungszei­chen – männlich besetzt sind, wie zum Beispiel Durchsetzungskraft und Charakterstärke. Obwohl ich nicht der Meinung bin, dass das etwas rein Maskulines ist. Es sind Eigenschaften, die man auch bei vielen Frauen findet. In jedem Fall sollte man nicht nur die eine oder andere Seite repräsentieren.

Sind Sie auf Ihrem beruflichen Weg schon auf Intoleranz gestoßen?

Die Kosmetikbranche ist nicht un­bedingt eine Welt, in der man Fehler und Andersartigkeiten akzeptiert. Aber es kommt auf die Menschen und die Marke an. Ich erteile in sol­chen Dingen aber keine Lektionen. Ich versuche zu verstehen, warum jemand so reagiert. Ich muss ihn nicht unbedingt von meiner Sicht überzeugen.

Wie werden Sie das Unternehmen weiterführen?

Ich möchte Lancôme so uni­versell wie möglich machen. Das ist nicht einfach. Es ist leicht, der Beste in einer Kategorie zu sein, aber eine große Herausforderung, die Nummer eins weltweit zu sein. Lancôme ist eine Marke, die in Deutschland, Spanien, England, Japan und USA funktioniert. Das sind Länder mit ganz unterschiedlichen Schönheitsidealen. Das macht es so schwierig. Man muss zwei oder drei Werte finden, die auf der ganzen Welt geteilt werden. Für mich sind das Anmut, Harmonie und Ehrlichkeit.

Estelle Marandon

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