Wolfgang Joop
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Wolfgang Joop "Ich bin doch nicht Tom Ford"

Wolfgang Joop über Kollegen und Künstler, über den Glauben an Wunder - und warum seine Mitarbeiter ihm immer die Wahrheit sagen dürfen

Eine ehemalige Schuhcremefabrik

mit Gelbklinkerfassade, irgendwo in Berlin. Das Gelände ist umzingelt vom Spandauer Kanal und von Hochstraßen und besiedelt von Schrebergärten. Die reinste "Tatort"-Kulisse. Doch im Loft im zweiten Stock wird nicht geschossen, sondern geshootet. Modemacher Wolfgang Joop, 65, lässt sich für die Kampagne seines neuen Männerparfums "Freigeist" ablichten. Nach dem Vorbild der "Factory", des Ateliers von Pop-Art-Ikone Andy Warhol, hat er an diesem Ort Musen und Jünger um sich geschart.

Assistentin Alexandra gehört dazu, Dressman Radoslav, Fitting-Model Sara. In ihrer Mitte posiert der kreative Kopf des Modeimperiums Wunderkind. Die Stimmung ist gelöst - nur Gretchen mault. Denn Joops Dalmatinerhündin soll nicht mit aufs Bild, und das behagt der Diva gar nicht. Beim Interview mit Joop darf sie dann aber neben ihrem Herrchen auf der Couch sitzen.

Als Dankeschön fertigte Wolfgang Joop für jeden Teilnehmer eine Zeichnung an. Die Skizze zeigt Grafiker Dirk Friedrich.
© PRAls Dankeschön fertigte Wolfgang Joop für jeden Teilnehmer eine Zeichnung an. Die Skizze zeigt Grafiker Dirk Friedrich.

Ihre Modemarke heißt Wunderkind. Waren Sie eines?

Vor allem kenne ich das Drama des begabten Kindes. Talent verleiht einem Wunderkind manchmal fast autistische Züge, weil es in seiner Welt gefangen ist. Das macht einsam. Und frühe Bewunderung macht süchtig nach Anerkennung. Blieb sie aus, fühlte ich mich damals bestraft und ungeliebt.

Glauben Sie an Wunder?

Dazu kann ich Ihnen eine private Geschichte erzählen. Nach einer Augenoperation - die Netzhaut hatte sich abgelöst - bestand bei mir die Gefahr, dass die Sehkraft stark nachlassen würde. Aber alles kam anders: Ich brauchte plötzlich keine Brille mehr. Diese Selbstheilung hat mich äußerst demütig gemacht. Und was den Begriff Wunder in beruflicher Hinsicht angeht: Die Trennung von meinem alten Label habe ich wesentlich besser überlebt als so mancher Kollege einen ähnlichen Fall.

Sie sind im November 65 Jahre alt geworden. Spüren Sie heute noch das Kind im Manne?

Ich bin Kind, weilich immer das Gefühlhabe, mir fehlt die nötige Reife. Staunend vor den Dingen zu stehen, immer wieder fasziniert zu sein von dem, was in unserem Team entsteht, wie verletzlich wir sind und wie wir uns doch aufeinander verlassen können - das ist ein Teil meiner kreativen Kindlichkeit.

Joop im Kreis seiner Lieben am Zeichenbrett - entspricht dieses Fotomotiv für Ihr neues Parfum Ihrem realen Arbeitsalltag?

Bei Wunderkind arbeiten wir im Team, warum sollte ich mich also auf dem Foto allein präsentieren? Ich bin ja nicht Tom Ford, knöpf mir das Hemd über der behaarten Brust bis zum Bauchnabelauf und gucke wie ein Schokoladendrops. Das starre Posieren liegt mir eh nicht, dafür bin ich zu ungeduldig.

Mit 65 top in Form: Wolfgang Joop beim Shooting für sein neues Männerparfüm "Freigeist"
© PRMit 65 top in Form: Wolfgang Joop beim Shooting für sein neues Männerparfüm "Freigeist".

Ihre neue Kollektion trägt die Überschrift "hurt and heal", "verletzen und heilen". Wie kam es zu der Idee?

Ich habe immer ein geschwollenes Handgelenk vom Schreiben und Zeichnen und trage deshalb oft so eine Manschette. Das Thema Kompression habe ich einfach aufgenommen, indem ich zu einer Firma für Orthopädiebedarf gefahren bin. Dort habe ich zum Beispiel maßgefertigte Osteoporose-Korsetts gesehen - Haute Couture auf Rezept gewissermaßen. Ich wollte wissen, wie Kleider darüber wirken. Meine Models haben sie anprobiert, und wir haben die Idee dann mit Kleidern aus Stoffen nach dem Vorbild von Rokoko-Tapeten umgesetzt.

Schräge Kombination ...

Ich hole mir meine Ideen aus dem, was mir begegnet und denke sie mir nicht für Luxus-Ehefrauen aus, die irgendwem auf der Tasche liegen. Apropos: Gerade neulich ist mir wieder diese wächserne Madonna mit der großen Tasche auf dem Bauch aufgefallen. Da denkt man doch, das ist ihre Grabbeigabe.

Wo genau liegt die Herausforderung, wenn Sie eine neue Kollektion konzipieren?

Man muss die Regie über die Idee behalten und darf sich nicht von ihr plattmachen assen. Das ist das A und O - und es ist das, was die meisten Leute nicht können. Sie sind selbstverliebt in den ersten Output und von Claqueuren umgeben. Das ist die größte Gefahr, der Kreative erliegen können.

Sind Sie dagegen gefeit?

Mein Team ist so erzogen, dass es mir unbequeme Wahrheiten sagen darf. Schließlich stehe ich nicht über ihnen. Ansonsten würde ich mich in diesem jungen Team auch sehr viel älter fühlen.

Wer sein Parfum "Freigeist" nennt, sollte diesen Spirit in sich tragen. Tun Sie es?

Ja, ich erlaube mir, ziemlich klar zu denken - und ehrlich mit mir umzugehen. Früher konnte man mit Mode gleichzeitig Karriere und ein Vermögen machen. Das kann man sich heute abschminken. Also muss man alles auf den Fun-Faktor legen. Ich sage mir, hier und mit meinen Leuten - das ist die beste Zeit meines Lebens.